Warum ein Mann nach vier Stunden Mediation weinte – und was danach anders war

Veröffentlicht am Kategorisiert als Mediation, Konfliktlösung, Persönliches
Venezianische Maske im Stil eines Narren
Venezianische Maske im Stil eines Narren

Gefühle zeigen in der Mediation gilt vielen als Schwäche, die man lieber vermeidet. Aus meiner Erfahrung als Mediatorin weiß ich, dass genau der Moment, in dem die Fassung bröckelt, oft der Wendepunkt einer Mediation ist. Eine Geschichte aus meiner Praxis zeigt, warum.

Zehn Menschen saßen in diesem Raum. Zwei Lager, seit Jahren verhärtet, und trotzdem eine Familie, der der Zusammenhalt enorm wichtig war. Offiziell ging es um ein gemeinsames Bauprojekt, das die Familie gemeinsam realisieren wollte. Tatsächlich ging es um etwas, das seit Jahren im Dunkeln lag.

Lager eins verstand die Ablehnung von Lager zwei nicht. Lager zwei verstand Lager eins nicht. Seit mehreren Jahren wurden Fragen nach den Gründen gestellt, aber nie beantwortet. Der eigentliche Auslöser der Entzweiung blieb unausgesprochen. Eine Familie, die sich wirklich mochte, und sich gleichzeitig zutiefst verletzte. Diese Diskrepanz kenne ich aus vielen Mediationen: Man möchte etwas klären und hat solche Angst davor, dass es schlimmer wird. Denn so schwer der momentane Zustand auszuhalten ist, es ist immer noch besser als der Bruch.

Nach vier Stunden brach es aus einem der Männer heraus. Nach außen war er immer souverän gewesen, hatte nur seine raue Schale gezeigt. Doch die entscheidenden Fragen und sein ihm gespiegelter Kummer lösten Schluchzen und Tränen aus. Ihm und den anderen wurde klar, wie verletzt er war und wie sehr er litt. Er weinte hemmungslos. Vor neun anderen Familienmitgliedern, die den Atem anhielten.

Was in mir vorging

Auch ich habe in diesem Moment den Atem angehalten. Soll ich eingreifen? Soll ich ihm mehr Zeit geben? Ich habe die anderen Medianten beobachtet: Wollen sie ihn unterbrechen oder ihn in bester Absicht trösten? Muss ich sie zurückhalten? Ganz viele Gedanken auf einmal, mit einem einzigen Ziel: Wie kann dieser Mann, der sich hier so verletzlich zeigt, den größten Nutzen aus der Situation ziehen? Die Mienen der Anderen sagten deutlich, dass sie bei ihm noch nie einen solchen Gefühlsausbruch erlebt hatten. Dieser Mensch musste sich ungestört ausweinen können, damit er seine Tränen los wurde und damit die Anderen nachspüren konnten, wie groß sein Kummer war.

Tränen sind ein sehr guter Türöffner, doch nicht unbedingt erforderlich. Zwingend ist Ehrlichkeit. Sobald einer angefangen hat über seine wahren Beweggründe zu sprechen, folgen die anderen. Dann kommt auf den Tisch, worum es wirklich geht. Und das ist die Basis für eine Lösung.

Masken haben ihre Berechtigung

Manche denken, Authentizität sei immer gut, und Masken seien grundsätzlich etwas, das man ablegen sollte. Das sehe ich anders. Masken haben ihre Berechtigung. Man kann nicht dauernd sein Innerstes nach außen kehren, im Berufsalltag nicht, in der Familie nicht, und auch nicht im ersten Gespräch mit Fremden. Aber es gibt Momente, in denen genau das Gegenteil unerlässlich ist.

Mediation ist so ein Rahmen. Ein geschützter Ort, an dem die Maske fallen und man Gefühle zeigen darf, weil jemand dafür sorgt, dass dieser Moment ungestört und unbeeinflusst stattfinden kann. Tränen müssen einfach mal fließen. Die gehen nicht von alleine weg, sie verschwinden nur, wenn sie geflossen sind.

Der Zeitpuffer, den niemand einplant

Was ich aus diesem Tag zusätzlich gelernt habe: Man braucht bei hoch eskalierten Konflikten einen großen zeitlichen Puffer. Das heißt, es sollte keine weitere Mediation am selben Tag stattfinden, oder es müssen mehrere Stunden dazwischen liegen. Anders geht es nicht. Wenn die Mediatorin auf die Uhr schauen muss, ist das Gift für den Moment. Es braucht die absolute Ruhe und das Vertrauen, dass es fürs Ausleben von Gefühlen und fürs Besprechen der Bedürfnisse genug Zeit gibt. Die Sitzung dauert so lange wie nötig. An einem zentralen Punkt im Leben der Medianten darf niemand hetzen, ich am wenigsten.

Was am Ende zählt

Die anderen im Raum verstanden an diesem Tag nicht im Detail, warum dieser Mann so verletzt war. Aber sie haben gespürt, wie stark das Verhalten der Anderen ihn kränkt, und wie viel Kraft es ihn kostete, das jahrelang unter dem Deckel zu halten. Gegen Ende der Sitzung sprach ein Mann aus dem anderen Lager sehr einfühlsam mit ihm. Gemeinsam entwickelten die beiden einen ersten Lösungsschritt, um das Familiengeheimnis zu lüften, für das eine nicht anwesende Partei nötig war.

Im Laufe dieser Sitzung mischten sich Nähe, Erschöpfung, Ehrlichkeit, und die Chance auf Neubeginn zugleich. In der Folge realisierte die Familie das Bauprojekt.

Wenn Sie selbst in einem Konflikt feststecken, der seit Jahren im Dunkeln liegt, oder Angst vor dem Moment haben, in dem die ‚Maske fallen lassen‘ plötzlich kein Sprichwort mehr ist, sondern Realität, brauchen Sie einen Rahmen, der hält. In der Mediation können Sie Ihre Gefühle zeigen.

Wollen Sie mehr über meine Arbeit als Mediatorin lesen – und keinen Artikel mehr verpassen? Melden Sie sich für meinen Newsletter an.

Von Ulrike Wanner

Über mich: Offen in die Zukunft. Dies ist mein Claim und Motto fürs Leben. Man hat seine Vorstellungen von der Zukunft und dann passiert das Leben. Es erfordert Anpassungen und Weiterentwicklung, es verleiht Impulse und überrascht. Ich fände nichts langweiliger als zu wissen, was ich in den nächsten Jahrzehnte erleben werde. Dieselbe Offenheit für die Zukunft bringen Klienten mit. Denn ihre Kreativität führt sie zu Lösungen, die sie sich vorher nicht vorstellen konnten. Mehr über mich erfahren Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert