Streit alleine lösen? Was dieser Glaubenssatz verhindert.

Veröffentlicht am Kategorisiert als Mediation, Konfliktlösung
Ulrike Wanner mit verschränkten Armen und skeptischem Blick, Sinnbild für den Zweifel am Glaubenssatz 'Streit alleine lösen'.

„Streit lösen? Das kriege ich schon alleine hin.“ Diesen Satz habe ich schon oft gehört – von Klientinnen, von Freunden, von mir selbst, bevor ich Mediatorin wurde. Er klingt nach Stärke und nach ‚Ich brauche niemanden‘.

Hinter diesem Satz steckt der Glaube, den man nie bewusst gewählt hat, dass man Streit alleine lösen muss. Dieser Glaube begleitet einen über Jahrzehnte, ohne dass man ihn je hinterfragt. Er hat sich so tief ins Denken eingeschrieben, dass er sich wie eine Tatsache anfühlt. Dabei übersieht man, was sich ändert, sobald eine unbeteiligte Person darauf schaut. Sie trennt Sachliches von Emotionalem, sie schält den wahren Kern hinter den Vorwürfen heraus, und ermöglicht, dass die Masken fallen, die die Parteien im Streit häufig tragen.

Woher kommt dieser Glaubenssatz?

Ein Glaubenssatz ist eine tief verinnerlichte Überzeugung, die wir für Realität halten, obwohl sie nur erlernt ist. Der Glaube, dass man Streit alleine lösen muss, fußt auf Ihrer Erziehung und auf Ihrer ganzen Erfahrung. Von klein auf streiten und versöhnen Sie sich, Sie nähern sich wieder an und manchmal trennen Sie sich. Sie folgen den Mustern, die Sie von Ihren Vorbildern in der Familie, in der Schule, in Filmen gelernt und verinnerlicht haben. Sie erlebten, wie Ihre Eltern nach einem Streit tagelang schwiegen, wie Ihre Lehrerin Konflikte im Klassenzimmer per Machtwort beendete, sie sehen, wie die Heldin im Film am Ende einfach auszieht, statt das klärende Gespräch zu suchen.

Diese Muster sind mächtig. Die sozial-kognitive Lerntheorie nach Albert Bandura zeigt, dass wir Verhalten, auch Konfliktverhalten, vor allem durch Beobachtung und Nachahmung von Vorbildern lernen und weniger durch bewusste Entscheidungen.

Neben dem Verhaltensmuster lernten Sie auch die dazugehörigen Folgen kennen und akzeptierten sie als naturgegeben. Damit meine ich Folgen wie:

  • Die Beziehung ist nach einer Auseinandersetzung wie davor.
  • Die Beziehung ist ein bisschen distanzierter.
  • Der Kontakt bricht für eine Weile ab, und irgendwann tut man so, als wäre nichts gewesen.

Diese Scham speist sich ebenfalls aus Ihrer Erziehung. Von klein auf wird Selbstständigkeit gelobt, Hilfe holen dagegen mit Schwäche gleichgesetzt. ‚Das schaffst du schon alleine‘ klingt nach Zutrauen, wird aber zur stillen Erwartung, es immer alleine schaffen zu müssen. Gelingt Ihnen das nicht, verschweigen Sie es lieber, auch sich selbst gegenüber. Und genau dieses Schweigen sorgt dafür, dass der Glaubenssatz nie laut ausgesprochen und nie hinterfragt wird.

Doch dieses Schweigen hat seinen Preis, auch wenn Sie ihn selten bewusst wahrnehmen. Doch wie hat sich die Tragfähigkeit der Beziehung nach dem Konflikt verändert? Und bricht nicht oft derselbe Streit ums selbe Thema immer wieder aus?

Warum ist dieser Glaubenssatz so hinderlich?

Wenn Sie fest daran glauben, einen belastenden Streit alleine lösen zu müssen, stellen sich diese Folgen ein:

  • Versöhnungsversuche und Aussprachen eskalieren die Situation manchmal noch weiter, statt sie zu klären, weil Ihnen im entscheidenden Moment die richtigen Worte fehlen und die vertrauten Reaktionsmuster greifen.
  • Die Unzufriedenheit bleibt, auch wenn nach außen wieder Ruhe eingekehrt ist. Man hat sich geeinigt, das Thema aber nicht geklärt.
  • Kränkungen und Ungesagtes wiederholen sich, stauen sich an und verdrängen mit der Zeit das Positive in der Beziehung.
  • Sie verschenken Lebenszeit, die Sie mit der anderen Person angenehm verbringen könnten, Zeit, die Sie nie wieder zurückbekommen.

Und das Tückische daran: Diese Folgen kommen selten alle auf einmal. Sie schleichen sich über Jahre ein, ein eskaliertes Gespräch hier, eine verschluckte Kränkung dort, eine verpasste Gelegenheit für Nähe da, bis Sie sich eines Tages fragen, was von der Verbindung zu einem eigentlich wichtigen Menschen noch übrig ist.

Beispiel aus der Praxis

So oder ähnlich erlebe ich das immer wieder: Nennen wir das Paar Julia und Sebastian. Seit Jahren drehte sich ihr größter Streit um dieselbe Frage, wer sich mehr um Haushalt und Familie kümmert. Beide hatten das Thema schon unzählige Male angesprochen, mal ruhig, mal laut, und waren danach jedes Mal genauso schlau wie vorher. Irgendwann sprachen sie es gar nicht mehr an, dafür kränkten sie sich auf leisen Wegen. Julia vergaß auffällig oft den Einkauf, um den Sebastian sie gebeten hatte, und reagierte auf seine Erinnerung nur mit einem genervten Seufzer. Sebastian revanchierte sich auf seine Weise: Er ließ Verabredungen mit ihrer Familie sausen oder überhörte, worum sie ihn gebeten hatte. Am Ende fühlte er sich für nichts mehr wertgeschätzt, und sie fragte sich, warum ausgerechnet sie für alles zuständig sein sollte und dachte über eine Trennung nach.

In der Mediation zeigte sich schnell, worum es eigentlich ging. Es ging kaum um die Verteilung von Aufgaben, es ging um das Gefühl, gesehen zu werden. Sebastian wollte Anerkennung für das, was er längst beitrug, und Julia wollte, dass ihre Erschöpfung ernst genommen wird. Erst als beide das offen aussprechen konnten, ohne dass der andere sofort in Verteidigung ging, fanden sie eine Aufteilung, die für beide stimmte, und die auch drei Monate später noch hielt.

Wie wirkt sich die Hilfe einer Konfliktexpertin aus und wann ist eine Mediation sinnvoll?

Jetzt mal Hand aufs Herz: Wie viele ernste Konflikte haben Sie beendet, bei denen Ihre Beziehung hinterher tiefer war als vorher? Und wie oft ist haben Sie statt einer Auseinandersetzung über den Kern der Sache zu führen, sich auf Nebenschauplätzen getummelt? Eben. Das ist auch verdammt schwer, wenn man selbst darin verwickelt ist. Ich weiß, wovon ich rede.

Wie wirkt sich die Hilfe einer Konfliktexpertin aus?

  • Trennung von Sachlichem und Emotionalem
  • Es gibt keine Schuldigen
  • Alle Parteien erkennen, worum es ihnen tatsächlich geht
  • Die Beteiligten können ihre Masken fallen lassen

Zudem bleibt eine Mediatorin emotional unbeteiligt und hat kein Interesse an einer bestimmten Lösung (mehr dazu in meinem Blogartikel ‚7 Gründe, warum ich Mediationen liebe‚).

Was Mediation im Detail bedeutet und wie sie abläuft, habe ich im Blogartikel ‚Was ist Mediation?‚ ausführlich erläutert.

Wie ich diesen Glaubenssatz überwunden habe

Ich habe nicht anders angefangen als Sie. Erlernt hatte ich das Muster ‚eher konfrontatives Vorgehen oder Rückzug‘, kämpfen oder verschwinden, mehr Optionen kannte ich lange nicht. Irgendwann hat mir mein Umfeld ziemlich deutlich gezeigt, dass sich daran etwas ändern muss. Manche Rückmeldungen dazu waren sehr unbequem, aber genau die haben mich in Bewegung gebracht.

Durch meine Beschäftigung mit Kommunikationspsychologie und meine Mediations-Ausbildung habe ich nach und nach ein anderes Handwerkszeug gelernt:

  • geeignetes Vokabular, das nicht verletzt.
  • Vorgehensweisen, die ein Gespräch öffnen statt es zu eskalieren
  • einen besseren Umgang mit meinen eigenen Emotionen, sodass ich nicht mehr aus der ersten Kränkung heraus reagiere.

Was mich dabei am meisten motiviert hat, waren die positiven verbalen Rückmeldungen auf mein verändertes Verhalten. Und die Menschen reagierten spürbar anders auf mich, sobald ich anders auf sie zuging.

Seit sechs Jahren arbeite ich als Mediatorin und wende dieses Rüstzeug an zwei Stellen an: bei meinen Klientinnen und Klienten und bei meinen eigenen Konflikten.

Und ganz ehrlich: Bei einem stark belastenden Konflikt werde ich selbst eine Mediation in Anspruch nehmen. Auch Mediatorinnen brauchen manchmal eine Mediatorin. Für mich ist das kein Widerspruch zu meinem Beruf. Es ist die logische Konsequenz aus allem, was ich in ihm gelernt habe.

Erkennen Sie sich in diesem Glaubenssatz wieder?

Lassen Sie uns unverbindlich darüber reden, wie ich Ihnen am besten helfen kann, dass wieder Frieden einkehrt.

Wenn Sie selbst aktiv Ihre Auseinandersetzung in 9 Schritten beenden möchten, biete ich Ihnen hierzu meine Anleitung mit Praxisbeispiel und Checkliste an.

Häufig gestellte Fragen

Kann ich einen Streit immer alleine lösen?

Nein, nicht jeden. Manche Konflikte brauchen jemanden von außen, der Sachliches von Emotionalem trennt. Das erlebe ich in meiner Arbeit als Mediatorin häufig.

Woher kommt der Glaube, Konflikte immer alleine bewältigen zu müssen?

Aus erlernten Mustern: aus der Familie, der Schule, aus Filmen. Wir übernehmen, was wir dort an Konfliktverhalten vorgelebt bekommen, meist ohne es bewusst zu entscheiden.

Was macht eine Mediatorin anders?

Ich bleibe emotional unbeteiligt und habe kein Interesse an einer bestimmten Lösung. Dadurch können alle Beteiligten ihre Masken fallen lassen und offen sagen, worum es ihnen wirklich geht.

Wann sollte ich eine Mediation in Anspruch nehmen?

Immer dann, wenn ein Konflikt Sie stark belastet oder immer wieder um dasselbe Thema kreist. Ich selbst nehme bei solchen Konflikten eine Mediation in Anspruch, obwohl ich Mediatorin bin.

Ist es ein Zeichen von Schwäche, sich bei einem Streit Hilfe zu holen?

Für mich ganz klar nein. Ich sehe es als logische Konsequenz aus allem, was ich über Konfliktklärung gelernt habe, nicht als Eingeständnis des Scheiterns.

Von Ulrike Wanner

Über mich: Assyriologin, Systemanalytikerin, Programmiererin. Seit 2019 arbeite ich als Mediatorin in Tübingen und verhelfe Parteien zu Klarheit über ihre Konflikte und zu kreativen Lösungen. Bei Auseinandersetzungen sind Analyse und Struktur unerlässlich, doch je höher die emotionale Verstrickung, desto geringer die Lösungskompetenz. Ich weiß, wovon ich rede. Denn manchmal brauchen auch Mediatorinnen eine Mediatorin. Für mich ist das kein Widerspruch zu meinem Beruf. Es ist die logische Konsequenz aus allem, was ich in ihm gelernt habe. Mehr über mich erfahren Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert