Klarheit versprechen statt Win-Win: 5 Dinge, die ich als Mediatorin heute anders machen würde

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Ulrike Wanner, Mediatorin bei Alles Porträtfoto von Ulrike Wanner, Mediatorin und Inhaberin von Alles gut Mediation, aufgenommen im Freien zwischen schmalen Metallstreben. Verwendet als Beitragsbild für den Artikel 'Klarheit statt Win-Win': 5 Dinge, die ich als Mediatorin heute anders machen würde'

Als ich mein Unternehmen gründete, wollte ich Mediationen genau so umsetzen, wie ich sie in der Ausbildung gelernt hatte. Fünf Schritte, ein Ziel, eine Abschlussvereinbarung am Ende. Heute, einige Jahre später, weiß ich: Manches davon war Theorie, und die Praxis hat mir andere Lektionen erteilt. Die wichtigste zuerst: Klarheit statt Win-Win. Hier sind die fünf Dinge, die ich zu Beginn anders machen würde.

Das Wichtigste in Kürze


1. Klarheit statt Win-Win
Nicht jede Konfliktbearbeitung endet in Win-Win, manchmal ist eine Trennung das ehrlichere Ergebnis.

2. Weniger Perfektion
Ich würde mir weniger Perfektion abverlangen und stattdessen dem Lernen am praktischen Beispiel vertrauen.

3. Bloggen
Ich würde alle Zweifel über Bord werfen und anfangen.

4. Früher Vorträge und Kurse halten
Darüber lernte ich meine Zielgruppe und ihre Sorgen kennen.

5. Freebies und Newsletter
Ich würde früher Freebies zur Verfügung stellen und über den Newsletter Kontakt zu Interessierten halten.

1. Klarheit versprechen statt Win-Win

Ich würde heute von Anfang an Klarheit statt Win-Win versprechen. Denn in der Ausbildung lernt man, dass eine Mediation in fünf Schritten verläuft und mit Regelungen endet, an die sich Medianten künftig halten wollen.

Das klingt schön. Nur stimmt es nicht immer.

Mediatoren stehen dadurch enorm unter Zugzwang, diesen Konsens herbeiführen zu müssen, sonst hat man ja etwas Falsches versprochen. Man fühlt sich schnell wie ein Versager, wenn die Medianten am Ende erkennen, dass eine Trennung der bessere Weg ist, sei es in einem Arbeitsverhältnis, einer Liebesbeziehung oder einer Ehe. Dabei entspricht genau das der Realität, und das nach meiner Erfahrung, wie nach der meiner Kolleginnen und Kollegen.

Seit ich mein Leistungsversprechen von Win-Win auf Klarheit umgestellt habe, fühle ich mich enorm entlastet. Ich muss keine Harmonie erzeugen. Und meine Klienten gehen deutlich entspannter und realistischer in die Sitzungen, denn sonst lastet dieser Anspruch auch auf ihnen. Erreichen sie die Harmonie nicht, empfinden sie sich als besonders schwierige Menschen oder als jemand mit zu vielen Ansprüchen. Doch das stimmt so nicht.

Es geht darum, die Situation zu betrachten, wie sie ist. Alle Perspektiven werden gehört, und dann überlegt man gemeinsam, was man daraus gestalten kann. Entsteht zusätzlich Verständnis? Vielleicht sogar Akzeptanz oder Vergebung? Oder kommt man zur ehrliche Erkenntnis: Mit uns funktioniert das auf Dauer nicht, wir trennen uns auf eine seriöse, erwachsene Weise.

Einmal kamen drei Erbinnen zu mir. Die testamentarische Aufteilung hatte eine von ihnen bevorzugt, und das belastete das Verhältnis der drei Schwestern. Die Bevorzugte wollte das frühere gute Verhältnis wiederherstellen. Im Laufe der Sitzung zeigte sich jedoch, dass sie am finanziellen Status quo festhalten und sich nicht ernsthaft auf den Prozess einlassen wollte. Die drei gingen ab diesem Punkt getrennte Wege. Kein Happy End im klassischen Sinne. Aber ein klares.

Manche Mediationen münden statt in eine gemeinsame Zukunft in eine klare, einvernehmliche Trennung. Und genau das ist manchmal das bessere Ergebnis.

2. Weniger Perfektion von mir verlangen, mehr dem Prozess vertrauen

Zum Start als selbstständige Mediatorin gibt es unzählige Fragen und Stellschrauben.

  • Wie gestalte ich meine Homepage?
  • Was schreibe ich drauf, was lasse ich weg?
  • Wie umfangreich oder wie spezifisch muss mein Angebot sein?
  • Was taugt als Freebie?
  • Woher bekomme ich die vielen Bilder und Selfies?
  • Wann und wie richte ich einen Newsletter ein?
  • Wie nehme ich Bilder auf und bearbeite sie?

Bei jedem einzelnen Punkt hätte ich mir damals gewünscht, weniger Perfektion von mir zu verlangen und stattdessen dem Wechselspiel aus beruflicher Erfahrung und meiner Entwicklung als Unternehmerin zu vertrauen. Es entsteht ein Wunsch, z.B. einen Blog einrichten, und dann kümmere ich mich ums Umsetzen, lerne das Schritt für Schritt am praktischen Beispiel.

Vor Selfies habe ich mich lange gedrückt. Erst eine ausführliche Anleitung hat mir die Hemmungen genommen, und vor allem meine Haltung verändert, mit der ich dann rangegangen bin: Das Aufnehmen ist jetzt einfach meine Spielwiese. Ich probiere rum, merke mir, was funktioniert und was nicht. Was mir nicht gefällt, wird gelöscht. Ich mache mir keinen Druck, sofort posten zu müssen.

3. Den Blog früher starten

Einen Blog wollte ich schon lange haben. Das war sogar der Anlass, meine Homepage ganz neu aufzusetzen. Trotzdem hatte ich viel Respekt davor, viele Widerstände.

Mich plagten Zweifel. Ist das interessant genug, was ich zu sagen habe? Ist Manches zu persönlich? Soll ich die Leute duzen oder siezen? Und was denken die Leute überhaupt von mir? Zum Thema Mediation ist doch im Prinzip schon alles gesagt. Und wartet die Welt ausgerechnet auf mich?

Ja, tut sie.

4. Früher Vorträge halten und Kurse geben

Wenn ich noch einmal anfangen würde, würde ich viel früher Vorträge halten und Kurse geben. Dabei lernt man seine Zielgruppe nämlich viel besser kennen: ihre Wünsche, ihre konkreten Probleme und vor allem ihre Einwände und Vorbehalte.

Am meisten überrascht hat mich dabei, wie hilflos sich Menschen in Konflikten fühlen. Sie haben schon einiges versucht, mal zögerlich, mal komplett übers Ziel hinausgeschossen, und fühlen sich trotzdem gefangen im Konflikt. Oft sehen sie sich selbst dann als schlechte Menschen, als jemand mit zu vielen Ansprüchen oder als Versager, weil es nicht gelingt, die Auseinandersetzung aus eigener Kraft zu beenden.

Genau dieses Wissen hätte ich mir am Anfang gewünscht. Dann hätte ich meine Zielgruppe anders ansprechen und ihnen vermitteln können, dass es Unterstützung gibt.

5. Früher Freebie und Newsletter erstellen

Meine ersten Freebies sind das Quiz „Welcher Konflikttyp bin ich?“ und die Anleitung zur Selbstreflexion „Was ich noch nie ausgesprochen habe„. Kommunikationspsychologie kann richtig Spaß machen und ist einfacher anzuwenden, als man zuerst denkt. Im Rückblick hätte ich so etwas viel früher zur Verfügung stellen sollen.

Für mich ist ein Freebie einfach ein Geschenk an alle interessierte Menschen und es macht mir Freude, so etwas zu entwerfen, in der Hoffnung, dass es den Leuten wirklich etwas nutzt. Ein Newsletter ist für mich das Medium, mit dem ich direkter mit Menschen in Kontakt trete, die sich für meine Arbeit interessieren. Darüber erfahren sie, was mich aktuell beschäftigt, und ich, was sie beschäftigt oder brauchen.


Fünf Dinge, ein roter Faden: Weniger Druck, mehr Klarheit. Das gilt für meine Arbeit mit Klienten genauso wie für den Aufbau meines Unternehmens.

Wenn Sie selbst gerade an einem Punkt stehen, an dem Sie sich zu viel Perfektion abverlangen oder zu lange auf den perfekten Moment warten, dann empfehle ich Ihnen: Fangen Sie an. Der Prozess trägt Sie weiter, als Sie denken.

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Warum verspricht eine Mediatorin nicht einfach Harmonie?

Weil nicht jede Mediation zu einer gemeinsamen Zukunft führt. Manchmal ist die ehrlichste und beste Lösung eine klare Trennung. Das ist kein gescheiterter Prozess, sondern ein eine Chance auf einen Neuanfang.

Muss eine Mediation immer mit einer Einigung enden?

Nein. Eine Mediation kann auch damit enden, dass sich zwei oder mehrere Parteien bewusst und einvernehmlich trennen, etwa bei einer Erbschaft, einem Arbeitsverhältnis oder einer Beziehung.

Was hilft am meisten zum Verständnis der Zielgruppe?

Der direkte Kontakt, zum Beispiel über Vorträge und Kurse. Dort zeigen sich Einwände und Ängste viel klarer und spezifischer als in der Theorie.

Wie hängen Freebie und Newsletter zusammen?

Ein Freebie ist ein Geschenk an alle, die sich für das Thema interessieren, und der Newsletter ist der direkte Kontaktkanal danach.

Von Ulrike Wanner

Über mich: Assyriologin, Systemanalytikerin, Programmiererin. Seit 2019 arbeite ich als Mediatorin in Tübingen und verhelfe Parteien zu Klarheit über ihre Konflikte und zu kreativen Lösungen. Bei Auseinandersetzungen sind Analyse und Struktur unerlässlich, doch je höher die emotionale Verstrickung, desto geringer die Lösungskompetenz. Ich weiß, wovon ich rede. Denn manchmal brauchen auch Mediatorinnen eine Mediatorin. Für mich ist das kein Widerspruch zu meinem Beruf. Es ist die logische Konsequenz aus allem, was ich in ihm gelernt habe. Mehr über mich erfahren Sie hier.

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