Ich hätte darauf gewettet, dass 70 Prozent einen Konflikt lieber mit KI lösen als mit Unterstützung einer Mediatorin oder eines Mediators. 13 Antworten später weiß ich: Nur eine Person holte sich überhaupt professionelle Hilfe von außen, und das war eine Eheberatung. Zwei Personen nutzten kurz eine KI zur Vorbereitung, das Konfliktgespräch führten sie aber selbst.
Das Wichtigste in Kürze:
1. Dauer und Teilnehmer
Meine Umfrage lief vom 7.9. – 4.10.2026, an ihr nahmen 13 Personen teil.
2. Beteiligte an der Lösung
9 von 13 haben ihren letzten ernsthaften Konflikt allein geregelt, niemand hat nur mit einer KI gearbeitet.
3. Zweck der KI
2 von 13 nutzten kurz eine KI, um Gedanken zu sortieren oder Quellen zu finden. Das Gespräch führten beide selbst.
4. Zufriedenheit
Wer mit der Gegenpartei ins Gespräch kam, war häufiger zufrieden: 6 von 8 gegenüber 2 von 5.
5. Meine Wette
Meine Wette, dass 70 Prozent KI bevorzugen, habe ich verloren. Eine Mediatorin hat niemand einbezogen, deshalb kann ich über Mediation im Vergleich der erzielten Qualität der Lösung nichts sagen.
Warum ich wissen wollte, ob Menschen Konflikte mit KI lösen (meine Hypothese)
In der Presse und auf LinkedIn liegt der Fokus aktuell auf der Häufigkeit und dem Zweck, für den Menschen KI nutzen. Dabei wird KI auch als Hilfestellung in Konfliktsituationen genannt. Den Zusammenhang zwischen der Qualität der erzielten Ergebnisse und der Kombination der Beteiligten habe ich dagegen bisher in keiner Untersuchung gefunden. Als Beteiligte gelten hier die Konfliktparteien selbst, die KI und Konfliktexperten. Deshalb habe ich selbst eine Umfrage erstellt.
Meine Wette lautete: 70 Prozent lösen einen Konflikt lieber mit KI-Unterstützung als mit einer Mediatorin oder einem Mediator. Dazu kam eine zweite Vermutung: Die Ergebnisse sind besser, wenn nur Menschen das Konfliktgespräch führen.
Die Wette habe ich verloren. Bei der zweiten Vermutung sieht es besser aus, dazu mehr weiter unten.
Zur Einordnung: Bitkom Research hat im Januar 2026 (Kalenderwoche 3 und 4) 1.004 KI-Nutzerinnen und -Nutzer ab 16 Jahren in Deutschland befragt. 18 Prozent von ihnen haben KI schon einmal für Fragen rund um Familie, Freundschaft oder Partnerschaft eingesetzt, bei den unter 30-Jährigen 37 Prozent, bei den 50-Jährigen und Älteren 5 Prozent (Bitkom, „KI kommt in der Liebe an“). Meine Befragten waren überwiegend 45 oder älter. Das könnte einen Teil der niedrigen KI-Nutzung erklären. Belegen kann ich es mit meinen Daten nicht.
Meine Methodik
Befragt habe ich Menschen, die einen ernsthaften Konflikt hatten, privat oder beruflich, mit oder ohne KI, mit oder ohne Konfliktexperten. Als ernsthaft galt ein Konflikt, wenn er sich wiederholte oder man deshalb nicht schlafen konnte oder Ähnliches. Die Umfrage lief vom 7. September bis 4. Oktober 2026 und war anonym. Verbreitet habe ich sie über LinkedIn, Facebook, SurveyCircle, meinen Newsletter, meine E-Mail-Verteiler und den Verteiler von Judith Peters.
Dieser Artikel beruht auf dem Stand vom 6. Oktober: 13 vollständige Antworten, 11 davon mit freien Texten. 9 von 13 Befragten sind 45 oder älter, unter 25 hat niemand geantwortet.
Diese Befragung ist nicht repräsentativ. Sie entstand in meinem eigenen Umfeld. Deshalb nenne ich die Zahlen in absoluten Werten, und wer weiß, wie klein die Stichprobe ist, kann sie richtig einordnen.
9 von 13 haben ihren letzten ernsthaften Konflikt allein geregelt
Einen Konflikt allein zu lösen, war in meiner Umfrage der Normalfall, 9 von 13 Teilnehmern (7. September bis 4. Oktober 2026) verfuhren so und niemand hat einen Konflikt ausschließlich mit einer KI gelöst. Je eine Person zog eine Eheberatung hinzu, setzte sich direkt mit der anderen Partei an den Tisch, nannte die eigene Ehefrau oder blieb ohne Lösung, weil die Gegenseite nicht gesprächsbereit war. Eine Mediatorin oder einen Mediator hat niemand einbezogen. „Nur mit einer KI ausgetauscht“ hat ebenfalls niemand gewählt.
„[Ich nutzte] Selbstreflexion, [habe] mein eigenes Handeln & Denken überdacht, bevor ich es angesprochen habe“ (anonym)
Was das für Sie heißt: Bevor Sie das Gespräch suchen, gönnen Sie sich eine Nacht Abstand und schreiben Sie in zwei Sätzen auf, was Sie selbst zum Konflikt beigetragen haben und wie Sie das Gespräch aus der Rückschau bewerten. Das kostet zehn Minuten und sortiert die Gedanken.
Wer ins Gespräch kam, war häufiger zufrieden: 6 von 8 gegenüber 2 von 5
Acht Befragte haben tatsächlich mit der Gegenpartei gesprochen, sechs davon waren zufrieden. Bei den fünf anderen (Kontakt ohne richtiges Gespräch, Gespräch nicht nötig beziehungsweise nicht möglich, oder es blieb zunächst beim Nachdenken) waren es nur zwei. Bei einer dieser Personen kam das Gespräch erst viel später, aus eigenem Entschluss. Das zeitnahe Gespräch mit der Ehefrau über den Konflikt hatte vorher geholfen, die eigenen Gedanken zu sortieren, war aber nicht der Anlass für die Auseinandersetzung.
| Kontext | Befragte | im Gespräch | zufrieden | teils teils | unzufrieden |
| beruflich | 4 | 4 | 3 | 1 | 0 |
| privat | 9 | 4 | 3 | 0 | 4 |
Und wie ist es mit den Kombinationen der Beteiligten?
| Wer war beteiligt | Anzahl | davon eher oder sehr zufrieden |
|---|---|---|
| Nur die Konfliktparteien | 9 | 5 |
| Konfliktparteien und kurz eine KI | 2 | 2 |
| Konfliktparteien und Konfliktexperten (Eheberatung) | 1 | 0 |
| Konfliktparteien und Ehefrau | 1 | 1 |
| Konfliktparteien und Mediation | 0 | keine Aussage möglich |
Alle 13 Befragten haben das Ergebnis ihrer Konfliktlösung bewertet: 8 waren eher oder sehr zufrieden, 1 teils teils, 4 eher oder sehr unzufrieden. Die Mehrheit war also zufrieden, und das bei Gesprächen, die Menschen unter sich geführt haben. Meine zweite Vermutung („Die Ergebnisse sind besser, wenn nur Menschen das Konfliktgespräch führen“) sieht damit zunächst gut aus. Ich kann sagen, dass Menschen es allein häufig schaffen. Ob sie es besser schaffen als in anderen Kombinationen, verraten meine Daten nicht, denn es gibt keinen einzigen Fall, in dem eine KI oder eine Mediatorin das Gespräch geführt hat.
„[Mir half] zuhören, verstehen wollen, Meta-Ebene, Perspektivenwechsel von beiden Seiten“ (Cora)
Eine Frage, die alle anders verstanden haben. In meiner Umfrage stand: „Was hättest du dir vorher gewünscht zu wissen, egal ob über KI oder Mediation?“ Beantwortet haben die Befragten eine andere Frage: „Was hättest du dir vorher gewünscht zu wissen?“ Den Zusatz „egal ob über KI oder Mediation“ haben alle überlesen. Von 13 Befragten schrieben 6 etwas dazu, eine Person davon „Kann ich nicht sagen“, eine weitere „eher nichts“. Keine der übrigen 4 Antworten bezieht sich auf KI oder Mediation. Gleichwohl finde ich die Antworten sehr interessant: Jede Person hat die Frage auf einen anderen Blickwinkel bezogen.
- Das Vorfeld des Konflikts: Cora wollte von Anfang an einbezogen werden (ihr Zitat steht unten).
- Die Beweislage: „Ich hatte eher ein Beweis- als ein Wissensproblem.“ (anonym)
- Die Gegenpartei: Eine Person wünschte sich Wissen über die Beweggründe ihres Gegenübers, eine weitere über dessen Lage.
Meine Frage zielte auf mögliche Hemmschwellen, die vom Gebrauch der KI oder der Beauftragung einer Mediatorin abhielten, so z.B. Wissen über Vertraulichkeit, Datenschutz, Allparteilichkeit. Die Antworten kreisen dagegen um das Gegenüber und um die eigene Rolle im Vorfeld. Bei vier inhaltlichen Antworten ist das kein Trend, aber die Richtung ist auffällig. Ich lese sie deshalb als Antwort auf eine offenere Frage: Was fehlt Menschen vor und während eines Konflikts an Wissen?
So schildert Cora deutlich, was sie vermisste:
„dass ich von Anfang an einbezogen werde, gefragt werde, anstatt eine Forderung zu präsentieren.“
Was das für Sie heißt: Bitten Sie in Ihrer ersten Nachricht an die Gegenpartei um ein Gespräch und liefern Sie noch keine Lösung mit. „Ich möchte gern verstehen, wie Sie das sehen. Wann hätten Sie 30 Minuten?“ öffnet mehr Türen als jede Forderung. Eine ausführliche Anleitung finden Sie in meinem Artikel Streit in 9 Schritten lösen – mit Praxisbeispiel und Checkliste.
Wie nutzten die Befragten KI im Konflikt?
Nur 2 von 13 nutzten überhaupt eine KI, beide einmalig und kurz.
Zwei Befragte hatten bei „Was haben Sie genutzt?“ angekreuzt: „Weder noch, ich habe es allein geregelt“. Erst weiter hinten im Fragebogen verrieten sie, dass sie kurz eine KI genutzt hatten. Die eine Person ließ sich Quellen zu rechtlichen Rahmenbedingungen geben, die andere nutzte die KI, um die Gedanken zu sortieren. Beide taten es einmalig und kurz, beide führten das Gespräch dann selbst, und beide waren mit dem Ergebnis eher zufrieden.
Zwei Personen sind keine Stichprobe, auf der man einen Trend aufbaut. Interessant finde ich trotzdem, wie beiläufig die KI im Kopf der Befragten war: eher wie ein Notizzettel als wie ein Gegenüber. Denkbar ist auch, dass die Reihenfolge meiner Fragen mitgespielt hat. Cora schrieb mir: „Ich nutze in der Tat recht häufig KI für unterschiedliche Zwecke, aber der Ausgangspunkt ‚Denk an einen Konflikt …‘ führte für mich zu eine Episode, in der ich KI nicht genutzt habe.“
Die Person, die die KI nutzte, um ihre Gedanken zu sortieren, beschreibt den schwierigsten Moment ihres Konflikts so:
„meine Gedanken drehten sich im Kreis. ich war nicht in der Lage eine andere Perspektive einzunehmen.“ (anonym)
Was das für Sie heißt: Wenn Sie vor einem schwierigen Gespräch eine KI zum Sortieren nutzen, legen Sie vorher fest, was am Ende auf Ihrem Zettel stehen soll: Was will ich erreichen, und was wünsche ich mir vom anderen? Das Gespräch selbst führen dann Sie. Fordern Sie die KI außerdem ausdrücklich zu einer kritischen Haltung auf, zum Beispiel mit „Widersprich mir und zeig mir, was ich übersehe.“ Sonst bekommen Sie leicht nur Ihre eigene Sicht bestätigt.
Die Stimmen: was mir am meisten hängen geblieben ist
- Ein langer Weg: „Zeit, Reife, Einsicht, stete Auseinandersetzungen halfen, uns zu befrieden. Also ein ständiger Prozess der Kommunikation, egal wie schmerzhaft und unbefriedigend.“ (anonym) Das bezog sich auf eine Ehe mit mehreren Therapien über einen langen Zeitraum, und es zeigt, dass manche Konflikte keine schnelle Lösung haben und dass manche eine andere Expertise als Kommunikation brauchen.
- Wenn die Gegenseite nicht mitmacht: „Niemand hat geholfen, da die Person auch für eine Mediation nicht offen war“ (anonym). In solchen Fällen kann nach meiner Erfahrung eine Konfliktberatung sehr unterstützen.
- Die starke körperliche Reaktion: „Ihn direkt anzusprechen, ohne emotional zu wirken. Ich merke dann wie sich mein Körper zusammen zieht, eng wird.“ (anonym)
- Der erste Schritt: „Letztlich war es die Zeit und dass ich irgendwann aktiv auf ihn zugegangen bin.“ (anonym) Davor lagen Jahre, in denen kaum Kontakte stattfanden. Am Ende war die Person eher zufrieden, dass sie das Gespräch gesucht hatte. Es zeigt, wie wertvoll es sein kann, nach langer ‚Funkstille‘ den Kontakt zu suchen.
- Der Widerspruch: Cora nutzt KI im Alltag häufig, in ihrem Konflikt aber nicht. Die Person mit den kreisenden Gedanken nutzte die KI genau dafür, einmal kurz. Beide waren am Ende zufrieden mit der Konfliktlösung.
Was ich trotz dieser Umfrage noch nicht weiß
Ich habe keinen einzigen Fall, in dem eine Mediatorin einbezogen war. Deshalb weiß ich nicht, wie sich Mediation im Vergleich zur KI schlägt. Ich weiß auch nicht, wie junge Menschen unter 25 mit Konflikten und KI umgehen, denn sie fehlen in meiner Stichprobe.
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Wie es weitergeht
Die Umfrage ist am 4. Oktober zu Ende gegangen. Meinen herzlichen Dank an alle, die mitgemacht haben, für Ihre Zeit und Ihre Offenheit.
Wenn sich meine Reichweite deutlich vergrößert hat, kann ich mir gut vorstellen, die Umfrage zu wiederholen.
Quellen
- Bitkom Research, Presseinformation „KI kommt in der Liebe an“, Befragung Januar 2026 (KW 3 und 4), 1.004 KI-Nutzerinnen und -Nutzer ab 16 Jahren in Deutschland
- Eigene Umfrage „Mit oder ohne KI zur Konfliktpartei?“, Stand 06.10.2026, 13 Antworten, nicht repräsentativ
FAQ
In meiner Umfrage unter 13 Menschen (Stand 6. Oktober 2026, nicht repräsentativ) hat niemand einen Konflikt ausschließlich mit KI geklärt. 2 von 13 nutzten sie kurz, um Gedanken zu sortieren oder Quellen zu rechtlichen Rahmenbedingungen zu finden, das Gespräch führten beide selbst. Laut Bitkom Research (Befragung Januar 2026, 1.004 KI-Nutzerinnen und -Nutzer ab 16 Jahren) haben 18 Prozent KI schon für Fragen rund um Familie, Freundschaft oder Partnerschaft eingesetzt.
In meiner Umfrage haben 9 von 13 ihren letzten ernsthaften Konflikt allein geregelt. Je eine Person zog eine Eheberatung hinzu, setzte sich direkt mit der anderen Partei an den Tisch, nannte die eigene Ehefrau oder blieb ohne Lösung. Eine Mediatorin hat niemand einbezogen.
6 von 8 Befragten, die tatsächlich mit der Gegenpartei gesprochen haben, waren mit dem Ergebnis zufrieden. Bei den 5 Befragten ohne richtiges Gespräch waren es 2. Bei 13 Antworten ist das ein Hinweis und kein Beleg.
Legen Sie vorher fest, was Sie erreichen wollen und was Sie sich vom anderen wünschen. Fordern Sie die KI ausdrücklich zu einer kritischen Haltung auf, sonst bekommen Sie leicht nur Ihre eigene Sicht bestätigt. Das Gespräch selbst führen Sie.
Genannt wurden Zeit, Abstand, Selbstreflexion, Zuhören und der Wille, das Gegenüber zu verstehen. Das betrifft vor allem die eigene Haltung. Es sind Einzelstimmen aus 13 Antworten, keine Statistik.

Über mich: Assyriologin, Systemanalytikerin, Programmiererin. Seit 2019 arbeite ich als Mediatorin in Tübingen und verhelfe Parteien zu Klarheit über ihre Konflikte und zu kreativen Lösungen.
Bei Auseinandersetzungen sind Analyse und Struktur unerlässlich, doch je höher die emotionale Verstrickung, desto geringer die Lösungskompetenz. Ich weiß, wovon ich rede. Denn manchmal brauchen auch Mediatorinnen eine Mediatorin. Für mich ist das kein Widerspruch zu meinem Beruf. Es ist die logische Konsequenz aus allem, was ich in ihm gelernt habe. Mehr über mich erfahren Sie hier.